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Geborgen, geborgt, "eingeliehen" und "gestohlen"
"Borrowed Places", das Buch zum Kunstprojekt
der in Basel lebenden Künstlerin Leta Peer
Geborgte Bilder, private Orte: Leta Peer inszeniert bereits inszenierte
Bildräume
Zwischen Vasen das Bild. Hinter Kakteen das Bild. Über
dem Bett, im Lift, im Spiegel, in der Garderobe - das Bild. Auf kleinen
Holzplatten wolkenumhangene Berggipfel, "Bergminiaturen" nennt
sie die Künstlerin Leta Peer, hier hohes Alpenglühn, dort tiefes
Nebelgrau, an sich so unspektakulär wie vielfach da gewesen. Aber
an Orten inszeniert, wo Kleinformate mal gross rauskommen, mal völlig
untergehn.
Kunst hat ihre Kontexte längst in sich aufgesogen,
und auch die 1965 in Winterthur geborene, seit rund 15 Jahren in Basel
lebende Künstlerin Leta Peer pendelt zwischen den Medien und der
Kritik der (Ausstellungs-)Praxis. Trotz der erhabenen Anklänge ist
Peer denn auch alles andere als eine Schülerin aus Friedrichs Romantik-
oder Hodlers Realistenküche.
Wir sprechen nicht von Bildern in einer Galerie, sondern
blättern durch das Kunstbuch "Borrowed Places", das im
Christoph-Merian-Verlag anlässlich einer Peer-Ausstellung in der
Galerie Schneider in Ettlingen/ Deutschland erschienen ist. Und nicht
die kleinformatigen Ölbilder an sich interessieren die Künstlerin,
sondern deren "Verwendung" und die Orte, wo die kleinen Idyllen
aufgehängt, hingestellt, abgelegt worden sind.
Das Projekt "Borrowed Places" zeigt Farbfotografien
aus privaten Innenräumen, in welche sich die Alpentafeln aus der
Geborgenheit des Ateliers gleichsam "eingeliehen" haben: Peer
hatte während eines Aufenthalts in New York ihre kleinen Leinwandwerke
bekannten und befreundeten Menschen - viele selbst aus dem Kunstbetrieb
- ausgeborgt, um später mit der Kamera festzuhalten, wo und wie diese
ihre Gemälde bei sich zu Hause platzierten.
Eine lesenswerte Einführung von Heinz Stahlhut durchmisst
Peers künstlerische Entwicklung, ihr Spiel von Nähe und Distanz,
ihre frühe Beschäftigung mit Macht und Geschlecht, mit dem Dekorativen
und dem Trivialen, bis hin zu den räumlich-installativen Arbeiten,
zuletzt anlässlich von "Ornament und Abstraktion" im Restaurant
Berowergut bei der Fondation Beyeler.
Der Status des Bildes - eigentlich ein Bild im Bild -
rückt bei "Borrowed Places" ebenso räumlich an die
Peripherie wie diskursiv ins Zentrum; es wird nicht nur ins neue Medium
übersetzt, sondern präsentiert sich je nach Hängung hier
altarhaft aufgebahrt, dort zum Dekor degradiert; ziert pointiert die Wand
einer noblen Lodge oder geht unter im Chaos aus Büchern und Accessoires.
Wer die Kunst besitzt, besitzt auch die Macht ihrer Inszenierung, und
wer Kunst vergibt, vergibt auch die Kontrolle.
"Borrowed Places" sind denn auch nicht nur ausgeborgte Kunstorte,
sondern - in der euphemistischen Bedeutung des Wortes - auch "gestohlene".
Die Künstlerin stiehlt sie zurück, indem sie nicht nur ihrerseits
die Fotografien inszeniert, sondern auch in den Intimbereich der kunstverständigen
Bildnehmer eindringt, die sonst die Ateliers der Künstler kritisch
zu inspizieren pflegen.
Dem Leser und Betrachter nun obliegt die Rekonstruktion
des temporären Besitzers über die spärlichen Informationen
des Interieurs und über die kurzen, mal poetischen, mal sehr persönlichen
Texte, die im Buch den Fotos zur Seite gestellt wurden. Der konzeptuellen
Indienstnahme des Gemäldes entwächst so ein Portät, das
durchaus als Kritik des bürgerlichen Umgangs mit Kunst zu verstehen
ist - gerade weil die "Leihnehmer"oft so bewusst wie unkonventionell
die Standorte für die Gemälde ausgesucht und mitgestaltet haben.
Alexander Marzahn
Leta Peer: "Borrowed Places", Christoph-Merian-Verlag,
2001, 44 farbige Abbildungen, Fr. 42.-
© 2001 National Zeitung und Basler Nachrichten AG
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