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Bündner Tagblatt, 18. Dezember 2001 / Kunst

Inszenierte Zufälligkeiten im privaten Nirgendwo

Leta Peer dringt in die Privatsphären von Bekannten ein, um deren ihre Lebensräume als Kunst zu inszenieren. Die fotograflsche Dokumentation dieser Art von Heimatmuseen nennt sie "borrowed places". Und die gibts nun auch in Buchform.

Von Thomas Kaiser

Verlassene Alltagsszenen, in denen noch hastige Bewegungen nachwirken. Gegenstände, aus einer Mischung von Willkür und Gewohnheit irgendwo deponiert, warten auf ihren nächsten Gebrauch. Ein unsorgfaltig aufgehängtes Handtuch hier, ein zerknittertes Bettlaken dort. Leta Peer sucht durch die Linse ihres Fotoapparates die verborgene Melancholie des verlorenen Augenblickes. Jenen Moment, wo die Verlassenheit beginnt, wo der AIItag geduldig auf eine Wiederkehr des Lebens wartet.

Zwischen Kitsch und Kunst

Und mitten in diesen verlassenen Privatsphären hängen ihre kleinen Sehnsuchtsbeschreibungen. StiIlleben, halbwegs einer naiven Bergmalerei verhaftet, halbwegs erinnernd an die grossformatigen Werke der Romantik. Zuweilen mischt Peer Sonnenstrahlen in ihre Olfarben, dass die Wolken über den Bergspitzen in einem Licht erscheinen, das gar an einen Caspar David Friedrich erinnert. Aber allesamt sind diese kleinen Miniaturen nahe am Kitsch. Kontrastieren in den fotografierten Räumlichkeiten den Alltag mit romantischen Fluchtgedanken. Diese Miniaturen hat Leta Peer in New York Bekannten ausgeborgt, einzig mit der Bedingung, dass sie die kleinen Werke an jenen Orten, an denen sie zu hängen kommen, fotografieren dürfe. Die Alltagsfluchten kamen in Badezimmer und Wohnräume, erinnerten da bloss an kitschige Souvenirs, wenn ihnen nicht bereits Peers fotografisch-dokumentarische Absichten angehaftet hätten. Ihr Projekt "borrowed places" ist so zum absichtlich herbeigeführten Grenzfall von Kitsch und Kunst geworden. Erscheinen die Miniaturen zuerst noch, bedingt durch ihren kunsthandwerklichen Entstehungsprozess, als eigentliche Sinnträger, so ist es doch erst die Fotografie, die jene kitschigen Miniaturen und die Privaträume zueinander in Beziehung setzt und so Spannung erzeugt. Dadurch entsteht zugleich eine Dokumentation von Wohngepflogenheiten und Inszenierung von Zufälligkeit.

Borgen und Tauschen

In der JahresaussteIlung im Bündner Kunstmuseum hängen derzeit ahnliche Miniaturen von Peer, losgelöst aus diesen Privatsphären. Erscheinen als simple Auseinandersetzung mit der Grenze zwischen Kitsch und Kunst, Doch vor dem Hintergrund des Projektes "borrowed places" können sie auch anders gelesen werden. AIs ein Stück Privatsphäre, das ihnen noch anhaftet und jetzt im Museum zur Schau gesteIlt wird. Der öffentliche Raum erfährt so eine Vereinnahmung durch diese verborgnene Welten, wird beinahe selbst zur Intimsphäre erklärt. Aufschlussreicher ist aIlerdings das im Christoph-MerianVerlag erschienene Buch zu Leta Peers "borrowed places", in dem sich die Bekannten von Peer zu den geborgten Werken äussern, zu ihrem Umgang mit den Miniaturen und auch mal einfach Geschichten aus ihrem AIltag erzählen. Peer borgt so nicht einfach Miniaturen aus, sondern borgt sich dafur eben Plätze zurück. Ein Tauschhandel. Diese Ebene wird im Buch, der eigentlichen Dokumentation zu den "borrowed places", durch die Gestaltung nochmals verändert. Denn die Sammlung der melancholischen AIltagsszenerien und den unmittelbaren Kunsterlebnissen wird durch die Gestaltung des Werkes noch einmal verändert.

Leta Peer: "Borrowed places". Erschienen im ChristophMerian-Verlag. ISBN 3-85616-153-8


 
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