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"I like to ruminate in the dark"
Anlässlich der Gramercy Art Fair in New York City von 7. –
11. Mai 1998
Angesichts der Bilder von Leta Peer ist man leicht verführt,
anzunehmen, die von ihr vorge-führten Sujets wären bereits die
Botschaft. Sie sind es auch und sie sind es nicht. Man verliert sich im
leeren Lächeln einer kühl blickenden Schönheit, in der
Oberfläche eines in Gedanken versunkenen Mannes, in der zarten Farbigkeit
eines duftend-schamhaft oder erotisch geöffneten Blütenkopfes.
Versucht man aber, nach dem Bedeuten der Einzelbilder zu fassen, so ist
man bereits in die Falle gegangen. Denn das Spiel das Leta hier treibt,
ist tückisch. Der Männerkopf ist dem Blütenkopf ebenbürtig,
ihr Status ist unentschieden.
Wie Fenster in eine andere Welt wirkt das vorgeführte Bilderarrangement,
dessen Einzelteile aus Wiedererkennen errichtet sind. Man hat sie schon
gesehen, diese wie in Schiffsluken und in ovale Erinnerungsrahmen gezwängten
Sujets. Man kennt solche Images von Plakatwänden, aus Zeitschriften,
Büchern und von der Strasse, auf der sich immer mehr Menschen zunehmend
Mühe geben, den allerortens vorgeführten Bildern gerecht d.h.
ihnen immer ähnlicher zu werden.
Leta Peer hat es nach den minimalen
Abweichungen in dieser Flut vorgegebener Klischees abgesehen. Leicht
verschoben oder zu nah ist der Focus auf die Sujets, die wirken, als wären
sie mit dem Pinsel durch einen Filter gequetscht worden, der ihre oberflächliche,
bildhafte Ver führungsgewalt transparent macht. Die aufgetragene
Lasur heisst Meschlichkeit, Unverwechselbarkeit, Differenz. Plötzlich
fühlt man sich an Wohnzimmerarrange-ments erinnert, in denen das
Erinnern bildhaft und in beruhigend-geordneten Arrangements an die Wand
gebannt wurde.
Auch in solchen Arrangements wiederholen sich die Einzelteile,
variieren , spiegeln sich ineinander und verweisen in diesem Spiel der
Wiederkehr immer mehr in Richtung des Ortes, an dem die Bilder entstehen.
Dieser Ort aber ist leer. Und er wertet nicht, entscheidet nicht. Der
Vordergrund könnte gleichzeitig der Hintergrund sein, so wie in jenen
Bildern, auf denen eine Figur zum Untergrund für einen Grundriss
wird. Der Grundriss wiederum stellt nichts anderes dar, als den Ort, an
dem das Bild tatsächlich hergestellt wurde. Das New Yorker Atelier.
Der Ort der Bildproduktion ist zutiefst menschlich, denn
er ist unverwechselbar. Er bildet sich immer erst, wenn ein Mensch auf
die Bühne tritt, um mit der Bildproduktion zu beginnen. Als Wahrnehmender,
Träumender, Grübelnder versucht er sich zu verorten, hier in
dieser Welt. Indem er Bilder erzeugt - im Kopf oder auf der Leinwand,
als Produzent und als Rezipient.
Erst dann wird es hell, für einen Moment. Und hier erst, an dieser
Stelle, so Leta Peer beginnt Schönheit. Dort, wo der Mensch sich
bildet und als solcher aufs Tapet kommt.
Es ist als hätten die schmuckstückhaft angeordneten Bilder an
der Wand dieses Hotelzimmers, die wie Erinnerungssplitter zwischen Amuletten
und Ikonen changieren, selbst begonnen, darüber nachzudenken, wer
sie sind, woher sie kommen und wo sie sich befinden. Es scheint, als würden
sie einen Moment lang innehalten, um auf uns zurückzublicken, leer,
nachdenklich, ausdruckslos oder das gewinnende Lächeln der Verführung
demonstrierend. In Assoziationsketten gefangen und tapetenmusterartig
gebannt, beginnen sie fragen nach dem bedeuten auszulösen und endlos
zu perpetuieren. Wer produziert hier wen? Wir die Bilder? Sie uns? Wer
erzählt hier die Geschichten? Wer inszeniert die Arrangements der
Zusammenhänge?
Wie Gäste bewohnen wir diese Welt, möblieren sie, bauen uns
mit unseren Geschichten in sie ein. Wir bevölkern sie als Erzeuger
von Bildern, die uns stabilisieren und erneuern, wie ständig in Betrieb
gesetzte Wiederaufbereitungs-anlagen. Manches von dem, was auftaucht,
ist verbraucht, kehrt endlos wieder und bannt uns im grellen Licht der
Bewegungslosigkeit. Kein Wunder, dass das endlose Wasserrauschen in diesem
Hotelzimmer, nicht der Klang eines natürlichen Gewässers ist,
sondern das Geräusch einer Wasseraufbereitungsanlage.
Eva S. Sturm lebt in Hamburg und New York, als Sie
diesen Text schrieb, arbeitete sie am New Museum of New York City, Departement
of Education, 1998.
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