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"It seams we may best be able to inhabit a place when we are not faced with the additional challenge of having to be there."

Alain de Botton, The art of travel                              Mit freundlicher Genehmigung des Autors


Romantik, Kitsch oder Kunst?


Leta Peers "Berge", kleinformatige Gemälde auf ca. zwei cm dicken Holzplatten, deren Ränder vergoldet sind, entstehen seit 1999 nach Fotografien von Berggipfeln des Engadin, der Heimat der Künstlerin.

Schnell ist bei diesen Gemälden der Vergleich mit der romantischen Landschaftsmalerei eines Caspar David Friedrich, besonders seinem viel zitierten Kreuz im Gebirge, dem sogenannten Tetschener Altar, 1807 / 08, bei der Hand. Vorschnell mag man Peer ein Abgleiten in eine platte Rezeption der Romantik vorwerfen – einer Kunstrichtung mithin, die der Moderne lange Zeit als suspektes Gebräu aus Naturschwärmerei, religiösem Geraune und ewiggestrigem Deutschtum galt. Doch schon Friedrichs Bilder sind ja nichts weniger als das, was seine Epigonen in ihnen sehen wollten und aus ihnen gemacht haben: Sie zeigen gerade nicht die ersehnte Harmonie zwischen Mensch und Natur, nicht das Beheimatetsein des Menschen in der ihn umgebenden Welt. Vielmehr zeigen sie "…die angeeignete und ausgebeutete Natur (als) ästhetische Landschaft…" und damit in grösstmöglicher und unüberbrückbarer Entfernung1 , ein Faktum, das Verächter wie Verfechter oftmals geflissentlich übersehen haben; Letztere, um Friedrichs Gemälde für ihre Ziele vereinnahmen zu können.2

Es ist wiederum typisch für Peers Vorgehen, dass sie auf ein so belastetes Vorbild zurückgreift, in ihrem Bildkonzept die Indienstnahmen mit reflektiert, ohne die eigene Betroffenheit zu leugnen: Das kleine Format der Gemälde steht nämlich ebenso im Kontrast zu den erhabenen Berggipfeln wie der vergoldete Rand, der überdies die Objekthaftigkeit der Gemälde erhöht und sie in den Raum ausstrahlen lässt.

So werden Leta Peers kleinformatige Gemälde zu Prüfsteinen unseres eigenen Verhältnisses zu Begriffen und Phänomenen wie "Heimat" und "Natur", deren Bedeutung lange Zeit als gesichert galten: Wenig Besseres vermag Kunst zu leisten.

Heinz Stahlhut, Kunsthistoriker Basel
(Katalogtext aus "Der Berg", Herausgeber Heidelberger Kunstverein, Heidelberg 1999)


1 Inge Fleischer u.a.: Friedrich in seiner Zeit - Das Problem der Entzweiung, in: Caspar David Friedrich und die deutsche Nachwelt, hrsg. von Werner Hofmann, Frankfurt / M. 1974, S. 17-27, S. 21.
Saul Friedländer: Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus, München 1986, S. 23, charakterisiert Kitsch denn auch mit Broch und Calinescu als banalisierte Form von Romantik.

 

 
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