Ansprache anlässlich der Ausstellung
von Leta Peer in Ettlingen, am 12. März 2004
Meine Damen und Herrn, lieber Heinz, liebe Leta,
stellen Sie sich vor, der Galerist hätte mit der
Einladung zu dieser Ausstellung einen Fragebogen verschickt, und Sie
dringend gebeten, im Vorfeld ihres Besuches drei Frage zu beantworten
und die Antworten an ihn zurück zu schicken. Wie hätten Sie
reagiert?
Nun, vielleicht hätten Sie sich empört, nach
dem Grundsatz: „Was soll ich denn noch alles tun?“ Aber Sie
hätten sich die Fragen ganz bestimmt einmal angesehen, denn Sie
gehören ja zu jener Spezies, die grundsätzlich neugierig ist.
Möglicherweise hätten Sie dann mit Verwunderung
unter „Erstens“ gelesen:
„Ist 7 viel?“
Was soll das denn für eine Frage sein? „Ist
7 viel?“ Wie soll man solch eine Frage denn verstehen? Kinder fragen
so. Wie soll man da antworten? Okay, lesen wir erst einmal weiter. Frage
zwei:
„Gibt es den Mond wenn keiner hinsieht?“
Um Gottes Willen, was ist denn das für ein Spiel?
Natürlich gibt es den Mond, auch wenn mal keiner hinsieht! Und deshalb
schnell noch die dritte Frage:
„Ist Leta Peer eine gute Künstlerin?“
Aha, hätten Sie möglicherweise gesagt, jetzt
verstehe ich, daher weht also der Wind. Ich soll also etwas entscheiden,
was prinzipiell überhaupt nicht zu entscheiden ist.
Und Sie haben vollkommen richtig vermutet, genau das
sollen Sie. Denn diese Ausstellung ist nicht nur ein unverbindliches
Angebot zur Wahrnehmung, diese Ausstellung stellt – wie jede Ausstellung
- die Frage nach der Qualität der Arbeiten. Und diese Frage können
wir entscheiden, denn sie gehört ja zur Familie jener Fragen, die
unentscheidbar sind, und nur diese Fragen, nur die unentscheidbaren Fragen,
lassen uns die Möglichkeit einer Entscheidung. Behaupte ich.
Sie sind skeptisch? Nur zu. Aber Sie haben Recht, ich
bin ihnen an dieser Stelle eine Erklärung schuldig. Also noch einmal
zurück zum Anfang.
Vielleicht sollte ich – bevor ich wieder auf die
unentscheidbaren Fragen zurückkomme - zunächst ein Beispiel
für eine entscheidbare Frage nennen. Also, ich könnte Sie beispielsweise
bitten, mir zu sagen:
„Ist 3.875.317 durch 2 teilbar?“
Ich bin sicher, niemand muss überlegen, wie die
Antwort lautet, denn wir haben alle gelernt, dass Zahlen, die durch zwei
teilbar sind, mit Null oder einer geraden Ziffer enden müssen.
Entscheidbare Fragen sind also solche, die durch die
Wahl des Rahmens, in dem sie gestellt werden, schon entschieden sind.
Solche Fragen sind in Grund langweilig, weil wir stets durch eine Serie
zwingender logischer Schritte eine unwiderlegbare Antwort erhalten.
Viel spannender sind meines Erachtens jene Fragen, die
prinzipiell unentscheidbar sind. Hier sind wir frei, hier haben wir die
Wahl. Zum Beispiel ist die Frage nach dem Ursprung des Universums eine
prinzipiell unentscheidbare Frage, denn keiner war dabei, um es zu beobachten.
Einige werden sagen, es habe sich um einen einmaligen
Schöpfungsakt gehandelt, andere werden behaupten, es hätte
niemals einen Anfang gegeben und es werde auch kein Ende geben, da das
Universum ein System sei, das sich in einem permanenten Gleichgewicht
befindet, wieder andere werden felsenfest davon überzeugt sein,
dass das Universum vor etwa zwanzig Milliarden Jahren mit einem „Urknall“ entstanden
ist, dessen schwaches Echo man noch über große Radioantennen
hören kann. Ein Hindu würde von Schildkröten berichten
die auf andere Schildkröten zurückgehen und die bis auf den
Urgrund reichen, ein Christ würde etwas von Paradies erzählen
und so weiter und so fort. Mit anderen Worten: Sag mir, wie das Universum
entstanden ist, und ich sag Dir, wer Du bist.
Ich hoffe Sie sehen nun klarer, was ich meine, wenn ich
sage: Nur die Fragen, die im Prinzip unentscheidbar sind, sind von uns
zu entscheiden! Nur bei solchen unentscheidbaren Fragen besteht keine äußere
Notwendigkeit, die uns zwingt, die Frage nach irgendwelchen Regeln zu
beantworten. Wir sind frei! Wir haben die Wahl! Manchmal werden wir diese
Freiheit als ein Geschenk, manchmal als eine Last empfinden. Im Falle
der Bilder von Leta Peer ist diese Freiheit zweifellos ein Geschenk und
ich werde nun versuchen, ihnen einen möglichen Weg aufzuzeigen,
wie man diese Werke anschauen kann und wie man in der Regel ganz leicht
zu einer Entscheidung kommt.
Ich werde Ihnen also keinen Vortrag über den Berg
halten und auch nicht über die Malerei an sich, sondern ich will
versuchen, ein wenig darüber zu reden, wie man diesen Arbeiten begegnen
kann.
Und ich werde ihnen nicht viel Neues erzählen können,
denn der Königsweg der Annäherungen an ein Kunstwerk ist seit
eh und je der gleiche:
Dieser Königsweg beginnt zunächst mit einer
möglichst exakten Benennung der Dinge, die wir vor Augen haben.
Allein durch die präzise Beschreibung einer Zeichnung, eines Aquarells,
einer Malerei kommt man leichten Fußes in die Nähe dessen,
was ein Werk charakterisiert und was es bedeuten könnte.
Das hört sich bescheiden an, nur: beschreiben will
und kann heute kaum noch jemand. Wir tappen alle immer wieder in die
gleiche Falle: Wir haben keine Geduld, keine Zeit und wollen meist alles
sofort, weil wir nicht wissen, was morgen oder was in einem Monat ist.
Doch wir müssen uns Zeit nehmen, denn solange wir uns nicht sorgfältig
klar gemacht haben, wie das Werk beschaffen ist, wird jede Interpretation,
auch eine wohlgemeinte, scheitern müssen.
Wir müssen uns Zeit nehmen, wie der Künstler
sich Zeit nehmen muss. Zeit ist in der Kunst das höchste Gut.
Wer in die Zeit-falle geht, ist verloren.
Manche verlangen vom Künstler, er möge kreativ
sein. An seiner Kreativität ließe sich die Bedeutung seines
Werkes ablesen. Doch solche Forderungen sind, bei Lichte betrachtet,
dummes Zeug. Das wäre ja ungefähr so, als würde man von
einem Schimmel verlangen, er möge weiß sein. Nein, ein Künstler
ist per definitionem kreativ oder er ist kein Künstler. Das einzige,
was wir vom Künstler verlangen könnten ist, dass er sich Zeit
nimmt und konsequent seinen Weg geht. Allen Beschleunigungsversuchen
der Welt zum Trotz. Und Werke, in denen Zeit und Erfahrung gespeichert
sind, brauchen natürlich auch einen Betrachter, der sich Zeit nimmt.
Ich rede von der Kunst im Allgemeinen, aber ich rede
auch von den Bildern Leta Peers. Gerade die Bilder, die den Berg thematisieren,
handeln von dieser Zeit, sind Ausdruck einer versiegelten Zeit. Und das
gefällt mir ausgesprochen gut.
Mit einer Beschreibung, die vom Allgemeinen zum Besonderen
voranschreitet, kommt man immer weiter, auch dann, wenn wir etwas völlig
Neues vor Augen haben. Eine Beschreibung entschleunigt und hilft auch
in den Fällen, in denen wir uns hilflos fühlen und keine Ahnung
davon haben, ob sich eine intensive Beschäftigung mit diesem oder
jenem Werk überhaupt lohnt.
Wenn die ausdauernde Betrachtung (denn nichts anderes
ist eine Beschreibung) ergeben sollte, dass da im Kunstwerk etwas Interessantes
gespeichert ist, dann folgt der nächste Schritt wie von selbst,
dann wird das Kunstwerk zu einer eigentümlichen Maschine, die durch
die Augen des Betrachters in Gang kommt.
Ja, man kann sagen, ein Kunstwerk ist auf ganz selbstverständliche
Weise immer auch eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen, ein
Kunstwerk ist wie eine Maschine, die ein Energiefeld schafft und einen
kommunikativen Prozess anregt, an dem sich alle beteiligen können.
Fast alle, denn einen möchte ich von diesem Prozess
freistellen, den Künstler. Er kann sich - wenn er will - zurückhalten.
Uns muss es reichen, dass er das Werk gemacht hat. Alle übrigen
aber sollten - nachdem sie sich den visuellen Bestand klargemacht haben
- nicht nur vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenserfahrung die Bilder
zu deuten versuchen, sondern wir sollten uns unsere Interpretationen
auch gegenseitig erzählen. Denn nur so, nur wenn wir uns erzählen
was wir sehen, denken und fühlen wird das Werk zum Kommunikator.
Letztlich ist es das laute und leise Sprechen über
dieses und jenes, das auf uns stimulierend wirkt. Erst das Sprechen über
die Kunstwerke animiert uns, immer wieder auf die Werke der Künstler
zuzugehen. Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, dass zwei Betrachter
ein und desselben Bildes über dessen Bedeutung einer Meinung sind.
Ganz im Gegenteil!
Oftmals ist in der Kunst das differenzierende Moment
der Stoff aus dem lang anhaltende Verbindungen entstehen. Wenn Sie und
ich unterschiedlicher Meinung sind, passiert in der Regel mehr, als wenn
wir im harmonischen Gleichklang etwas absegnen.
Was sagt der Künstler dazu? In der Regel wird er
sich darüber freuen, immer neue Sichtweisen und Lesarten zu entdecken,
die ihm vom Betrachter nahe gelegt werden. Beileibe nicht alle, aber
doch erstaunlich viele Interpreten bringen überraschende Sinnzusammenhänge
ans Licht, an die der Künstler beim Machen der Arbeit selbst nicht
gedacht hat. Und das ist gut so. Einmal ausgestellt, produziert das Werk
eben seine eigene Bedeutung. Und ein gutes Werk ist bekanntlich immer
klüger als sein Autor.
Der Künstler muss sich nicht an der Deutung seines
Werkes beteiligen, habe ich gesagt. Aber der Künstler wird auch
nicht von der Konversation ausgeschlossen. Er kann zum Beispiel erzählen,
wie und warum er etwas so und nicht anders gemacht hat. Vielleicht nutzen
Sie heute die Gelegenheit und sprechen die Künstlerin auf diesen
Punkt einmal an. Und vergessen Sie lieber gleich alle Überlegungen
und Fragen zum Thema Inspiration, Begabung und Genie. Denn das, was wir
gemeinhin für Genie halten besteht in der Regel zu 10 Prozent aus
Inspiration und zu 90 Prozent aus Transpiration.
Ja, Sie müssen nicht einmal mit der Künstlerin über
ihre Kunst sprechen. Vielleicht reden Sie besser über das Wetter
oder über das, was sie vom Leben erwarten. Denn wenn ein Kunstwerk
erst einmal da ist, dann müssen wir selbst herausfinden, ob es etwas
taugt. Denn auch in der bildenden Kunst gilt nach wie vor das hermeneutische
Prinzip, das besagt, dass zuletzt das Urteil des Betrachters den Sinn
einer Arbeit klärt. Das ist in der Musik und in der Literatur nicht
anders. Auch hier bestimmt nicht der Autor, nicht Martin Walsler, auch
nicht Marcel Reich Ranicki den Stellenwert eines Romans, nein, es sind
am Schluss die Leser, die den Resonanzraum bilden, vor dem sich ein Werk
bewähren muss. Und heute Abend sind wir es, die entscheiden können,
ob das, was Leta Peer uns zeigt, etwas bedeutet oder nicht.
Lassen Sie mich zum Schluss noch einmal zu dem Fragebogen
zurückkommen, den der Galerist, niemals verschickt hat.
Über die erste und letzte Frage haben wir gesprochen.
Es sind prinzipiell unentscheidbare Fragen, die entschieden werden wollen.
Aber was ist mit dem Mond?
Gibt es den Mond, wenn keiner hinsieht?
Die Antwort auf diese Frage ist höchst spannend,
denn von ihr hängt ab, ob wir glauben, dass wir uns als Beobachter
vom Universum trennen können und also in der Lage sind, wie durch
ein Schlüsselloch auf das sich entfaltende Weltall zu schauen, oder
ob wir vielmehr glauben, dass wir Teil des Universums sind, dass wenn
wir handeln, wir uns verändern und das Universum mit uns.
Kurz: Ich bin davon überzeugt, das die Frage, ob
es den Mond gibt, wenn keiner hinsieht, nur von den naiven Realisten
(und wahrscheinlich auch noch von den Ontologen) mit einem zuversichtlichen „Aber
natürlich“ beantwortet werden wird.
Wenn Sie in der Frage jetzt noch den Mond gegen die Kunst
austauschen, dann kann man vielleicht sagen, dass die Antwort notwendigerweise
von uns abhängt.
Für mich evozierten die Bilder dieser Ausstellung
eine vitale Aufmerksamkeit für die unbekannten Aspekte an einer
Sache. Sie weisen darauf hin, dass die Dinge sich nicht in ihrer einmal
festgelegten Gestalt und Funktion erschöpfen, sondern dass ihnen
stets noch andere als die bekannten Möglichkeiten innewohnen.
So gibt es heute Abend nur noch zwei Fragen, die ich
entscheiden muss: Welches Bild dieser Ausstellung ist das beste?
Und Frage Nummer zwei:
Wo würden Sie dieses Bild zu Hause hinhängen?
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und viel Freude
mit der Ausstellung
Andreas Bee, Kurator am Museum für Moderne
Kunst, MMK, Frankfurt am Main
PS: Dank auch an Heinz von Foerster für seine
wunderbaren Gedanken, von denen ich mir für die Eröffnungsansprache
einige geliehen habe.
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