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Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Leta Peer: 8 Serigrafien"
in der Stadtgalerie Chur vom 10. Dezember 1996

In der Ausstellung "Unter 36", die das Bündner Kunstmuseum diesen Herbst zeigte, dialogisierte eine in sich geschlossene Werkgruppe von Leta Peer mit den Malereien, Skulpturen und Objekten von Markus Casanova, Charlie Lutz und Pascale Wiedemann. Die acht schmalen, hochformatigen Tafelbilder erwiesen sich zwar als autonom, schlossen sich jedoch in formaler wie inhaltlicher Hinsicht zur stimmigen Serie zusammen. Die Bilder offenbarten auf das Schönste die künstlerische Strategie von Leta Peer. Präzis ausgewählte Vorlagen aus der Kunst, aus der Architektur oder aus der Trivialkultur fanden dabei bewusst Verwendung, Bilder und Stoffe, die in vielschichtiger Kombination zu einer eigenen Sicht der Dinge verwandelt wurden. Trotz der scheinbar leichten "Lesbarkeit" der zu einem Ganzen konglomerierten Gegenstände und Textfragmente erwiesen sich die Gemälde in Bezug auf Bildstruktur und Inhaltlichkeit als überaus komplex, indem sich die unterschiedlichsten Ebenen überlagerten und gegenseitig bedingten.

Die Ausstellung mit den acht grossen hoch- wie querformatigen Serigraphien, die wir heute eröffnen dürfen, steht in einem besonderen konkreten Zusammenhang: Wir treffen hier ausnahmslos auf leicht abgewandelte Motive, die wir auf der Glasfensterfront, mit welcher die als strenger Betonkubus gebildete Kapelle des neuen Friedhofs Fürstenwald in Chur ausgezeichnet ist, seit Anfang November wahrnehmen können. Für die Bewältigung der imposanten, horizontal wie vertikal strukturierten Glasfläche, entschied sich die Künstlerin für die zeitgemässe Technik des Siebdrucks. Die einzelnen, farblich subtil differenzierenden Elemente, die sich einerseits gegenseitig überlagern, sich andererseits wiederholen, setzen sich aus figürlichen und abstrakten Motiven zusammen, die den drei Weltreligionen entnommen sind. Es sind dies eine Madonna mit Kind, die sogenannte Madonna des Meeres des Renaissance-Künstlers Filippo Lippi, ein Ausschnitt aus einem Fayence-Mosaik aus der Alhambra, dem Bollwerk des Islam im eroberten Andalusien und schliesslich ein terrakotta-Relief aus der Schule von Mathura in Indien mit den Darstellungen aus dem Leben Buddhas. Durch das Blow-up, die massive Vergrösserung, die Rasterung und die gegenseitige Ueberlagerung verbinden sich die gegensätzlichen "Welten", Formensprachen und Ikonographien zu einer Einheit. Die gedämpfte, warme Farbigkeit ist alten, verwitterten Fresken nicht unähnlich. Je nach der Intensität des Lichteinfalls verschiebt sich die Wirkung von einer starken Präsenz zu einem fast nur noch vage wahrnehmbaren, transparenten Farbenschleier. Die Künstlerin liefert mit dieser ambitiösen Arbeit einen höchst interessanten, ergiebigen Beitrag zur Diskussion um Kunst im öffentlichen Raum und im Besonderen zum schwierigen Umgang der zeitgenössischen Kunst in Sakralräumen und Kirchenfenstern. Eine herausragende Qualität des "Kirchenfensters" von Leta Peer gründet im Umstand, dass dem Kunstwerk eine angenehme Unaufdringlichkeit zu Grunde liegt oder: Es unterstützt die Sprache der Architektur ohne sich anzubidern, und es erweist sich im wahrsten Sinne des Wortes als derart vielschichtig, dass vorerst "bloss" der verschattete Farbenschleier seine wohltuende tröstende Wirkung tut und sich die komplexeren, ikonographischen aber auch formalen Momente - etwa das äusserst anregende Wechselspiel von Positiv- und Negativformen - erst bei genauerem Hinschauen, dem sich - Versenken und Wahrnehmen offenbaren.

Charakteristikum eines Glasfensters ist es, dass es als transparente Membran zwischen Aussen- und Innenraum steht und erst durch den Lichteinfall zur Wirkung gelangt. Anders die auf Papier gedruckten Serigraphien. Obgleich dafür die selben Siebe Verwendung fanden, ist die Wirkung wegen des Ausschnittes, der farblich stärkeren Präsenz und des Formates wegen, in dem sich die Rasterung ganz anders manifestiert, eine fast völlig andere. "Pinselabstreichübung" nannte Lenz Klotz einmal eines seiner Bilder, das seine Entstehung der Tatsache zu verdanken hat, indem es dem Künstler zu schade war, den von einem anderen Bild herrührenden, noch voll mit Farbe getränkten Pinsel auszuwaschen. Mit der übrig gebliebenen Farbe malte der Künstler kurzerhand ein kleines, neues Bild - gewiss nicht das schlechteste. Auch Leta Peer trieb ihre Arbeit, die sie mit den Glasfenstern in der Fürstenwald Kapelle leistete, mit den vorhandenen Werkzeugen und Motiven weiter. Das Resultat mit den acht Serigraphien steht ihnen in dieser Ausstellung vor Augen - Werke, die sich trotz ihrem engen Kontext mit der Kunst im sakralen Bau als eigenständig, innovativ erweisen, Kunstwerke, die ihr Potential nicht zuletzt aus der Spannung zwischen sachlicher Distanziertheit und Emotionalität beziehen.

Beat Stutzer, Bündner Kunstmuseum Chur

 

 
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